Galaktische Alignierung

Folge 12 vom 09.05.2012


Inhalt:

    - Ein stotternder Gott
    - Notenblätter zur Sphärenmusik und
    - eine Theorie des Kosmos

   


Johannes Kepler, seines Zeichens Hofastrologe bei Fürst Wallenstein, entwickelte Anno 1618 schnell mal eine Theorie des Kosmos. Diese Theorie besagte in etwa Folgendes: Wenn die Planeten nicht ganz wirr durch den Himmel kreisen, sondern von Gott geschaffen sind, dann folgen ihre Bewegungen einer höheren Harmonie.

Die einzige höhere Harmonie, die dem Menschen bekannt ist, findet sich in der Musik. Ergo mussten Musik und Planetenbahnen in unserem Sonnensystem deckungsgleich sein. Und wie übersetzt man nun Planetenbahnen in Töne? Man tut das natürlich in der Sprache Gottes. Und die Sprache Gottes – das ist bekannt – ist die Mathematik. Deshalb sprechen sowohl Musik, als auch Planeten letztlich dieselbe, universelle Zahlensprache. Cogito, ergo sum – rechnen wir.

Nun ist es der Mathematik eigen, dass Sie auf existentielle Fragen durchaus keine klaren Antworten gibt. Jedenfalls nicht von selbst! Kepler konnte den Planetenbahnen zwar auf ganz verschiedene Weise Frequenzen – und Töne – zuordnen und das vereinfachte die Sache auch etwas. Allein, es wollten sich trotzdem nicht alle neun Planeten zugleich in die Akkorde einer barocken Toccata umsetzen lassen – ganz egal, wie man es rechnete. Das Ergebnis war vielmehr stets und ständig eine ästhetische Zumutung.

Und hier beginnt die Geschichte der galaktischen Alignierung. Nun konnte Kepler nicht wissen, dass sich Logiken und Mathematiken beliebig konstruieren und verwerfen lassen. Das bewies Kurt Gödel (mit etwas Hilfe von Bertrand Russell) erst im 20. Jahrhundert. Kepler lebte auch nicht einfach in einem chaotischen, vollkommen absurden Universum.

Zu Keplers Zeit, so kann ich Ihnen das vielleicht erklären, gab es weder Facebook, noch RTL, noch Angela Merkel. Statt dessen gab es eine göttliche, reine Harmonie.

Der Gelehrte arbeitete in einem sinnerfüllten, göttlichen Kosmos. Und er musste den Sinn deshalb nicht täglich selber erfinden, sondern hatte ihn schon vorab erhalten: Von jenem bereits erwähnten Gott - in einem allgewaltigen Schöpfungsakt! Und es war am Ende dieser Schöpfung kosmischen Ausmaßes wirklich schwer zu glauben, dass Gott stottert.

Das konnte Kepler nicht auf ihm sitzen lassen. Und deshalb erfand er eben die galaktische Alignierung: Alle 5000 Jahre gibt es seitdem einen Moment, in dem die Harmonie der Planeten mit der Harmonie der Zahlen und der Harmonie der Barockmusik übereinstimmt. Natürlich geschieht das, während buchstäblich ALLES sich ganz preußisch auf einer geraden Linie einfindet: Die galaktische Alignierung ist die musikalische Harmonie des Kosmos. Und Kepler konnte sie leider nichterleben. Oder anders: Planeten machen üblicherweise Neue Musik. Dieses Jahr spielen Sie ausnahmsweise Barock.

Ganz selbstverständlich lässt sich an diesem kleinen Unterschied nicht nur ganz zwanglos der Weltuntergang festmachen, sondern wahlweise auch das Ende der Zeiten, die Erlösung, sowie jede andere Art von Eschatologie.

Ob das Anno 2012 wirklich noch eine gute Pointe ist? Warten wir es ab.

 

von Gerald Reuther.


Zur Übersicht: Erinnerungen an die Zivilisation >>

Nächste Folge: Zivilisierungsversagen >>


Literatur: