Bilder, die töten

Folge 8 vom 08.10.2010


Inhalt:

    - Tiefe Ernsthaftigkeit,
    - Kultur und Tod, sowie

    - eine Ausstellung: Frida Kahlo!


Am 27. September 1925 wurde Frida Kahlo bei einem Busunglück in Mexico City von einer Stahlstange der Unterleib durchbohrt. Wer heute - rund 85 Jahre später - ihre Bilder sehen will, muss deshalb etwa drei Stunden warten. Ja, ich habe das ausprobiert. Und ja: Kunstkenner lieben Leiden - leidenschaftlich. Bestenfalls sind es offene, plakative und sexuelle Leiden, die man sogar nachvollziehen kann, wenn man in einer emotional verkümmerten Gesellschaft groß geworden ist.

Das unvergessene Busunglück hat für die Bilder der Frida Kahlo deshalb Mitleid erregende Konsequenzen. Einerseits finden sich bereitwillig tausende zur Exposition des Mitleidens ein, mit einer der es schlechter ging als uns. Andererseits sieht sich niemand die Bilder an. Die Bildungselite suhlt sich lieber im Mitleiden. Und Mitleid hat bekanntlich den stilistischen Nachteil, überheblich zu sein.

Dass tiefe Ernsthaftigkeit, Mitleid und Kultur zusammenhängen haben wir Deutschen übrigens von Schopenhauer gelernt. Praktiziert wird es allerdings auch von Museumsbesuchern, die nie von Schopenhauer gehört haben. Woher die es haben, weiß ich nicht. Wahrscheinlich imitieren sie nur die Haltung. Frida Kahlo hat passend dazu gleich mehrere Bilder gemalt, unter anderen etwa „Selfportrait with a monkey“ und „Me and my Parrots“.

Es spricht nicht für unsere Lebenshaltung, wenn wir diesen Zustand allzu ernsthaft beklagen: Wir leben einfach in einer Welt, in der jede Emotion allmählich von Klischees überlagert wird. Das schränkt die Palette des Gefühlshaushalts natürlich ein wenig ein. Und dem Rechnung tragend gebiert sich die moderne Kunst eben aus der Eigenschaft, alles ein klein wenig dicker aufzutragen, als gerade noch glaubhaft gewesen wäre. Im Alter von 18 Jahren teilt der gegenwärtig lebende Mensch dann den Gefühlshaushalt einer recht gewöhnlichen Küchenschabe.

Aber damit lässt sich ja umgehen. Darunter leiden allerhöchstens die Künstler. Entweder sie überziehen alle Individualität mit einer grauen Paste aus Liebe und Melodram oder geben ihren Beruf gleich auf. Genau genommen bleibt ihnen nur die Wahl zwischen einem von Popsongs, Daily Soaps und Talkshows breitgetretenen Liebesempfinden, einem etwas zu banalen Selbstmitleid und einer grenzenlosen Hybris aus Selbstbeweihräucherung. Genauer: Ich, die Liebe und der Tod.

In der Popmusikbranche, oder schlimmer, im Fernsehen schwimmen daher inzwischen alle menschlichen Emotionen auf einem See aus sehnsüchtiger Verliebtheit: Romantische Liebe, garniert mit enttäuschter Liebe, einsamer Liebe und tragischer Liebe! Liebe und Sehnsucht in allen denkbaren Konstellationen und Variationen! Keine Nuancen! Jeder mit jedem, in jeder Gazette und jeder drittklassigen Soap: Liebe ist schön. Leiden ist fies. Und dazwischen ist nichts. Zugegeben, das ist witzig, aber geschmacklich grenzlastig. Vor allem sind Liebe und Leiden jedoch, was jeder durchschnittlich begabte Hobbyschreiber ohne großen Denkaufwand hinkriegt. Und jeder kann mitfühlen.

Nur davon spricht unsere Rezeptionshaltung. Mit Frida Kahlo hat das sehr wenig gemein. Kahlos beinahe aristokratische Haltung gegenüber dem eigenen Leiden überstrahlt sogar in Effigie noch das abgeschmackte Mitleiden der Kuratorin und der Anwesenden. Unsere Rezeption ihrer Bilder spricht eher über unsere Unfähigkeit mit Deformation umzugehen, sei es die Deformation von Leben durch Leben oder auch nur die Deformation des eigenen Körpers.

Diese Angst vor natürlichen Stoffwechselprozessen spiegelt quasi die neurotische Beziehung des modernen Menschen zur eigenen Vergänglichkeit. Und so kommt es, dass zu guter Letzt "der Tod" das tiefsinnigste und ernsthafteste Thema in Philosophie, Kunst und Konversation werden konnte. Und das auch ohne dass sich im Diesseits irgendeine sinnvolle Aussage über das Jenseits überhaupt treffen ließe. Inhalt hatte sich da als obsolet erwiesen. Es ist nur einfach - Beerdigungen sind so rührselig. Und beinahe genauso rührselig ist eben eine Ausstellung von Frida Kahlo.

Dabei könnte die Elite der Bildungsbürger von Frida Kahlo drei ungemein wichtige Dinge lernen: Humor, Haltung und Souveränität! Sie sind gerade beim Untergehen unverzichtbar. Es bietet sich sogar regelrecht an, noch vor dem allgemeinen Niedergang der Zivilisation von Schopenhauer direkt zu Seneca zu desertieren: Über das eigene Unglück lässt sich im Zweifel bekanntlich länger Lachen. Und es ist auch geschmackvoller, als sich derart im Unglück anderer zu suhlen.

 

von Gerald Reuther.


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Literatur:

Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung.  Hg.v. Ludger Lütkehaus. Zürich. 1999. S.484 ff.

Seneca, Lucius Annaeus:  "Vom glückseligen Leben" in: Ausgewählte Schriften. Stuttgart. 1867.