Max Webers letzter Satz

Folge 7 vom 01.10.2010


Inhalt:

    - Die Phantasie eines ganzen Volkes,
    - viel asketischer Rationalismus und

    - ein Geschenk Gottes.


Eine der einfachsten Thesen der Soziologie ist die Protestantismusthese. Vor allem ist es aber eine der sehr wenigen unwiderlegten Thesen der Soziologie. Max Weber veröffentlicht sie erstmals Anno 1905 in einem Aufsatz mit dem Titel „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“.

Der Erfolg des Buchs liegt nicht am Titel. Sie werden mir das jetzt nicht glauben, aber schon 1905 konnte man sich nur schwer etwas Geistloseres vorstellen, als den Kapitalismus. Hätte man es indes versucht, wäre das Ergebnis vermutlich schon damals ein asketischer Volkswirt gewesen.

Nein, der Erfolg des Werks begründet sich durch den Geist. Genauer gesagt darin, dass Max Weber zwar aktiv das Image des pedantischen Oberlehrers pflegte, aber – all seinen redlichen Bemühungen zum Trotz – eben nicht geistlos genug war.

Sie wollen dafür ein Beispiel?

„Wo einmal die Phantasie eines ganzen Volkes auf das rein quantitativ Große gelenkt ist, wie in den Vereinigten Staaten, da wirkt diese Zahlenromantik mit unwiderstehlichem Zauber auf die ‚Dichter‘ unter den Kaufleuten. Ansonsten sind es im Ganzen nicht die eigentlich führenden und namentlich nicht die dauernd erfolgreichen Unternehmer, die sich davon einnehmen lassen.“ (Max Weber)

Zugegeben, wenn dieses Zitat an den heutigen Wirtschaftsfakultäten bekannt würde, würde Weber wohl aus dem Kanon gestrichen. Aber in dieser Hinsicht besteht keine Gefahr. Lektüre ist schon deshalb nichts für Wirtschaftswissenschaftler, weil Karriere und Erfolg in unserer Gesellschaft von Kenntnis unbelastet leichter fällt.

Das halten sie noch für Polemik? Dann geben Sie probehalber kurz acht: Der ‚gute‘ – weil von Gott mit dem Geschenk asketischen Rationalismus ausgestattete – der gute Protestant also kann sein langes Leben im Grunde nur in den Dienst zweier Aufgaben stellen:

Erstens – Geld verdienen. Zweitens – Kein Geld ausgeben.

Der Protestant macht also Karriere aufgrund debitorischer Grundeigenschaften und mit dem Verzicht darauf, diese Eigenschaften je weiterzubilden. ‚Schuster‘, hieß das wohl damals, ‚bleib bei Deinen Leisten. Im Zweifel bei Fleiß und Sparsamkeit!‚Geist‘ dagegen - gehört einfach nicht zum Repertoire der Bilanzbuchhaltung.

Verwirrend ist da eigentlich nurmehr eine Marginalie: Warum mögen die Ökonomen Weber trotzdem?

Es gibt eine Antwort: Max Weber war Ende des 19. Jahrhunderts derjenige, der den Kommunismus für die Praxis verwarf. Die Begründung, die er gegen Marx ins Feld führte, war denkbar simpel: Im Kommunismus, so Weber, regiert die Kommune, ergo niemand. Und da ein Macht-Vakuum, ganz wie jedes andere Vakuum, dazu tendiert sich von selbst zu füllen, wird sich da oben schon irgendwas sammeln.

Übrigens gilt das Argument ebenso für Demokratien. Das schale Triumphgeheul der demokratischen Mittelmäßigkeit aufgrund der einfachen Tatsache, dass sie 20 Jahre länger durchgehalten hat, erscheint aus diesem Blickwinkel plötzlich etwas verfrüht. Auch bei uns sammelt sich etwas oben. Im Zweifel könnte es sich - aufgrund vorgenannter Diagnose - tatsächlich sogar um etwas außerordentlich Geistloses handeln.

'Der Geist des Kapitalismus' endet – eo ipso, mag man meinen – wie folgt:

„Niemand weiß noch, ob am Ende dieser Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden, oder aber – wenn keins von beiden – mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaftem Sich-wichtig-Nehmen verbrämt. Dann allerdings könnte für die ‚letzten Menschen‘ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: ‚Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.‘(Max Weber)

Und was lernen wir daraus? Kapitalismus unterscheidet sich nicht sehr vom Kommunismus: Man hätte, den entsprechenden Geist vorausgesetzt, das Scheitern offenbar vorhersehen können. So beleidigend indessen - hätte ich es nie zu formulieren gewagt.

 

von Gerald Reuther.


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Literatur:

Weber Max: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus – Teil 1/2“ in: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik. Bd. XX (1904), S.1-54/ Bd. XXI (1905), S.55-110. Hg.v. Max Weber, Edgar Jaffé und Werner Sombart.