Generation X, revisited

Folge 14 vom 20.03.2013


Inhalt:

    - Mein Lebenslauf
    - Geriatrische Generationenfragen
    - und eine Fingerübung in Selbstüberhebung

   


Neulich, beim Klassentreffen in einer schwäbischen Kleinstadt: "Typisch Gerald! Hängt immer noch auf 80's Pop fest." Und dann, ein wenig später, wendet das Gespräch sich ernsten, fast drängenden Problemen zu: "Die jetzige Generation hat ja gar keinen eigenen Musikstil mehr. Das ist doch immer dasselbe Gedudel im Radio. Was zählt, sind nur die Verkaufszahlen und die Formate." Für mich sind solche Gespräche Heimat. Meine Generation! Meine Mitschüler! Meine verdrängte Vergangenheit! Was wirklich zählt ist der Musikgeschmack.

Genau: Das einzige, was meine Generation an Emanzipationsleistung und Identifikation entwickelt hat: Wir haben die Musik neu erfunden. Toto, Nirvana, Eurythmics: Das ist unsere Revolution. Und jetzt warten wir darauf, dass die Jugend von heute sich auch über Musik definiert. Und zwar - nach Möglichkeit - über eine ganz neue Art von Musik. Das würden wir verstehen. "You can go your own way!" Ehrlich wahr! Ansonsten leben wir mit Mitte 40 noch immer vom Geld unserer Eltern. Sogar unsere Kinder leben vom Geld unserer Eltern.

Dass uns dieses Geld nicht längst gehört ist übrigens keine Frage von Leistung. In dieser Hinsicht wird die Generation unterschätzt. Es gab nie eine so angepasste, fleissige und sachorientierte Generation. Es wird sie auch nicht wieder geben. Nie. Nur haben wir es leider komplett versäumt, unsere Elterngeneration zu enteignen.

Deshalb werden noch heute lieber 80-jährige Emeriti mit Ehrenprofessuren ausgestattet als wir mit einer Postdocstelle. Und das, obwohl wir für ein Drittel der Bezüge sachlich qualifizierte Arbeit leisten würden.

Sachlich ist der Unterschied - wegen der digitalen Revolution - sogar beträchtlich: Unsere Historiker können mehr Quellen an einem Tag überfliegen, als unseren Lehrern, Dozenten und Professoren insgesamt bekannt waren. Unsere Ökonomen handeln an einem Tag mehr Wertpapiere, als ihre Vorgänger in einem Jahr. Und jenes Drittel meiner Generation, das einen geregelten Arbeitsplatz hat, ernährt ganz Deutschland.

Vielleicht muss ich das durch eine private Lebensgeschichte verdeutlichen. Als ich mit Ende 20 zum Fernsehsender ARTE kam, wurde ich in zwei Mailaccounts eingeführt. Die erste Einführung war für mich ein Kulturschock - trotz dreier Praktika, Studium mit Auszeichnung, Nachwuchspreis und Startup-Erfahrung. Sie kam von einem Aufsteiger meiner Generation und lautete: "Ich hab da 20 Mailordner mit vielleicht 20000 wichtigeren Mails aus den laufenden Projekten. Fang einfach mit den aktuellen an und wurschtel Dich da durch. Den Rest kannst Du ignorieren."

Die zweite Einführung stammte von einem Altachtundsechziger. Ich kann Sie hier nicht vollständig wiedergeben, da sie ungefähr drei Jahrzehnte dauerte. Aber ich werde nie vergessen, dass jedes einzelne Kapitel mit folgendem Refrain endete: "Und dann stellen wir die Wichtigkeit hier auf 'Sehr wichtig!' und machen die Email damit scharf. Jetzt können wir sie versenden. Und nach dem senden auf 'drucken' klicken und im Archiv abheften."

Für die Generation meines Großvaters lief Belohnung immer über einen Tüte Bonbons. Für meine Elterngeneration ist Identität eine Frage dessen, dass sie immer noch mithalten können. Zum Beispiel, indem Sie einen Account bei web.de betreiben, den wir ihnen mal eingerichtet haben. Sie lernen unverzagt, als wollten sie ewig leben.

Wir Siebziger und Achtziger aber sind gar keine Generation. Wir sind die besten Freunde unserer Eltern und der wenigen Kinder, versuchen nicht zu erziehen, sondern zu verstehen. Und ihnen die Bedeutung des richtigen Musikgeschmacks zu vermitteln! Wir haben nichts zu sagen. Immer noch nicht. Nicht einmal Ihnen! Wir haben keinen Angriffskrieg zu verantworten und waren nie mit der Nabelschau unserer Elterngeneration beschäftigt. Und wir wissen immer noch nicht, wer WIR eigentlich sind. Es interessiert uns übrigens auch nicht.

Es gibt jetzt aber wieder Bücher über die Generation X. Wirklich! William S. Burroughs revisited! Ein Viertel Jahrhundert später! Und bestimmt von Altachtundsechzigern verfasst. Too late! Und kaum verhohlen wird hier die Albernheit, eine verpennte Emanzipation vom Elternhaus in der midlife-crisis nachholen zu wollen.

Ehe ich es vergesse, ich schulde Ihnen noch die Pointe meiner ARTE-Karriere: Ich lebe heute in Mecklenburg. Ersterer unter den ARTE-Redakteuren wohnt in Brandenburg. Er hat einen Facebook-Account und vergnügt sich mit Spotify. Der Letztere schließlich macht auch keine Mails mehr scharf. Ich habe während meiner zweiwöchigen Vertretung die Mailoptionen automatisiert. Seinen Job habe ich damit für alle Zeit erledigt. Aber er ist noch Redakteur in Straßburg. Keine Ahnung, was er da tut.

Das ist übrigens keine Zuspitzung. So war mein Arbeitsleben. So war das Arbeitsleben der 'Generation Praktikum': Wir hatten uns binnen zwei Wochen selbst ersetzt.

 

von Gerald Reuther.


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