Denken war verzichtbar.

Folge 9 vom 20.11.2010


Inhalt:

    - Kritik der reinen Vernunft,
    - das Ei des Columbus und
    - ein Rezept, wie man Millionär wird.


„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“, sagt Immanuel Kant. Der Satz ist verwirrend verständlich. Er ist sogar so banal, dass sein Erfolg eigentlich unverständlich ist. Warum musste das einer sagen? Wozu ist der Satz gut? Und warum liest man es seitdem immer wieder?

Ich glaube, der Satz beurkundet, dass sich 'Denken' in der Evolution nie richtig durchgesetzt hat.

Denken, recht bedacht, ist ja auch nicht unbedingt eine produktive Tätigkeit. Es ist eher verzichtbares Überschussprodukt der Natur. Und mit ihren Überschüssen war Evolution nie kleinlich. Da existiert, würde man seit Charles Darwin sagen, noch immer ein immenses Rationalisierungspotential.

Mit der sogenannten ‚eigenen Meinung‘ beispielsweise lässt sich denken effizient ersetzen. Sie beseitigt den Überschuss. Es ist viel einfacher, eine eigene Meinung zu haben, als mit dem eigenen Denken zu beginnen. Warum? Ganz einfach: Eine Argumentation muss mit ihren Konsequenzen leben. Und im Denken kann man sich deshalb verirren. Eine Meinung dagegen kennt ihre Konsequenzen gar nicht.

Da ist uns zivilisatorisch übrigens ein Missverständnis unterlaufen: Leute, die eine eigene Meinung haben, halten sich gewöhnlich für reflektiert. Dabei ist eine eigene Meinung ganz eindeutig Ausdruck akuter Denkfaulheit.

Ich versuch‘s mal zu erklären: Wenn man über eine Frage nachdenken würde, dann bräuchte man nichts zu meinen, weil man es dann wüsste. Im Zweifel wüsste man immerhin, wo das Problem liegt. Oder wie man es lösen könnte, wenn es nicht ein Problemfall wäre. Meistens, das kann man mit einiger Erfahrung sagen, meistens weiß man hinterher vor allem, dass die Frage unsinnig war! Gut, das bringt dann nicht einmal aufklärerisch einen Fortschritt.

Denkverzichte sind aufgrund ihrer Bequemlichkeit also sehr verbreitet. Interessant dabei: Menschen definieren sich gemeinhin trotzdem über Intelligenz. Und sie bewundern obsessiv, wenn einer zu denken vorgibt. Diese Bewunderung ist, mit Verlaub, das sicherste aller Anzeichen dafür, dass jemand noch nie gedacht hat. Hätte er wenigstens einmal gedacht, wüsste er, dass sich darauf problemlos verzichten lässt. Oder mit Martin Heidegger: „Das Bedenklichste ist, dass wir noch nicht denken. (…) Vielleicht hat der bisherige Mensch seit Jahrhunderten bereits zu viel gehandelt und zu wenig gedacht.“

In seiner Verteidigung des Denkens ist Heidegger selbstredend ein geradezu unsäglicher Moralist. Ich sage nach einigem Bedenken: Es könnte in der Tat auch umgekehrt gewesen sein.

Zugegeben, es gab einige Sternstunden der Vernunft. Die Berühmteste lohnt es kaum zu erwähnen: Galileo Galilei sieht vernunftwidrige Monde durch ein optisch miserables Fernrohr. Die kritisch Denkenden weigern sich selbstverständlich, dem Schein zu trauen. Sie finden es einfach vermessen, frei dahinschwebende Körper am Sternenhimmel als Gottes Werk anzuerkennen.

Sie, als gebildeter Globalbürger kennen sicher auch noch die Geschichte des Christoph Columbus. Columbus will die Welt umsegeln und jeder Denkende sagt ihm, dass das nicht geht. Weltumsegelungen sind im 15. Jahrhundert technisch unmöglich. Obwohl die Welt rund ist, ist sie nämlich zu groß. Das konnte man vorher wissen. Mehr noch: Man hat es gewusst. Und man hat es Columbus auch gesagt.

Columbus aber, ausgestattet mit einem Genueser Dickschädel, ignoriert den gutgemeinten Hinweis, entdeckt ad hoc Amerika und damit hat sich das Thema 'Denken' im Prinzip erledigt: Es hat sich gezeigt, dass Bedenken den Lauf der Dinge aufhalten. Und dass Amerika immer da ist, wo man es am wenigsten erwartet. Und global betrachtet lässt sich sowieso eher auf jene 100 Abenteurer verzichten, die der Vernunft misstrauen, selbst nachsehen und auf dem Atlantik verdursten, als auf jenen Columbus, der am Ende ganz zufällig und gegen jede Vernunft Amerika entdeckt. Erfolgschancen von 100:1 sind gesamtgesellschaftlich vertretbar. Und so etabliert sich Amerika in der Welt als schlagender Beweis dafür, dass sich der Vernunft nicht trauen lässt.

Die dazugehörige Entdecker-Metaphorik vom ‚Ei des Columbus‘ spricht Bände: Da kehrt ein erfolgreicher Entdecker von seiner Seereise zurück und stellt die Gelehrten vor das Rätsel, wie man ein Ei auf seine Spitze stellen kann. Das Ergebnis ist offensichtlich: Die Wenigsten errechnen selbst, dass es physikalisch unmöglich ist. Einige raten. Einige versuchen es einfach. Und wenigen ist damit sogar Erfolg beschieden: Weil sie ein Loch in der Tischplatte gefunden haben. Die Masse der Menschheit jedoch tendiert dazu, das Ei kaputtzuschlagen und beurkundet sich noch besondere Cleverness dafür.

Genau. Das ist die Logik einer randalierenden Affenhorde: Man bewirft die Nachbarsfamilie mit Kokosnüssen und verspottet sie, wenn sie vom Baum fällt.

Wir bewundern nicht Bedenkenträger, sondern erfolgreiche Macher. Und wir vergessen diejenigen, die etwas anpacken und damit keinen Erfolg haben. Googeln Sie mal „Johann Joachim Becher“!

Vielleicht noch ein amerikanisches Beispiel: An der Wallstreet hochriskante Papiere zu kaufen und sich dafür auch noch zu verschulden ist unsagbar dumm. Man kann ziemlich gut prognostizieren, dass das schiefgeht.  Nun werden Millionäre aber gelegentlich gefragt, wie sie zu Millionären geworden sind. Es gibt sogar eine eigene pseudowissenschaftliche Theorie für solche Forschungen. Sie nennt sich „Neurolinguistisches Programmieren“. Und das erinnert uns natürlich, nicht ganz von ungefähr, an die Prediger der Church of Scientology. Die Kernfrage formuliert man hier zukunftsorientiert: „Welche Eigenschaften haben überdurchschnittlich erfolgreiche Menschen gemeinsam?“ Die Pointe ist: Sobald man die Frage abändert, ändert sich auch die Antwort. Und des Rätsels Lösung ist allerdings ein Problemfall!

Also nochmal: An der Wallstreet hochriskante Papiere zu kaufen und sich dafür zu verschulden ist unsagbar dumm – aber in wenigstens einem von hundert Fällen funktioniert es. Man muss eben genau wissen, was man will und sich damit durchsetzen. Spielcasinos funktionieren übrigens noch besser. Und es gibt auch eine ganze Reihe Lottomillionäre. Drei von vier Existenzgründern gehen dagegen pleite. Mit anderen Worten: Denken war von Anfang an eine obsolete Spielart der Evolution. Auf den Erfolg kommt es an. Und im Hinblick auf Kernkraftwerke vielleicht noch auf die Dauer des Erfolgs.

Die tiefere Wahrheit dahinter? Kann man natürlich bei Kant finden! Ich fürchte nur, es lässt sich unter den gegebenen Umständen vergleichsweise leicht auf sie verzichten.

 

von Gerald Reuther.


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Literatur:

Kant, Immanuel: "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung" in: Was ist Aufklärung? Hg. v. Ehrhard Bahr, Stuttgart, Reclam. 1974 [1783], S. 9-17.

Martin Heidegger, Was heisst Denken? Hg. v. Heinrich Hüni, Stuttgart, Reclam. 1992, S.4.