Facebook.
Auf der Suche nach der Einsamkeit

Folge 10 vom 20.08.2011


Inhalt:

    - Mehmet, ich und die Welt.
    - Eine Reportage

   


Facebook? Mankind. Destiny.

Mehmet ist ungefähr 16 Jahre alt. Er lebt in der Nähe von Izmir und verkauft Getränke in einem kleinen Café am Strand. Er kümmert sich um die Touristen. Und doch: Ich bin der erste Ausländer, den er dieses Jahr zu Gesicht bekommt. Mehmet spricht kein Wort Deutsch, kein Wort Französisch und nur ein paar Fetzen Englisch: „You’re welcome!“. Mehmet lebt nicht in Antalya, nicht in Kemer und nicht in Kusadasi. Er lebt in Sakran. Und in Sakran verbringen reiche Türken die Sommermonate. Hier haben sie ihr Strandhaus weil hier– das ist ein Geheimtipp – täglich eine kühle Brise landeinwärts weht. Das macht die brennende Sonne und die Sommerhitze erträglich.

Mehmets Kontakt in die große, weite Welt heißt Facebook. Als ich ihn frage, zeigt er mir stolz seine persönliche Seite. Nicht sofort natürlich, das WLan des Nachbarn ist so ausgelastet, dass vielleicht 64 kBit zur Verfügung stehen. Es dauert seine Zeit, bis man etwas erkennen kann. Aber wir haben Zeit. Wir werden uns miteinander beschäftigen. Das macht man hier nämlich noch so. „Facebook?“, frage ich. „Mankind“, sagt Mehmet.

Der Menschheit ist es eigen, sich stets jenseits des Alltags zu befinden. Das macht sie zu etwas Größerem. Es macht sie genau genommen gerade so groß, dass wir sie bewundern müssen. Sie ist eben nicht, wo wir sind, sondern... überall sonst! Wo immer das sein mag. Beinahe hätte ich mich überzeugen lassen: Menschheit hat etwas mit Facebook zu tun. Und es tut gut, sich eintragen zu können. Und sei es nur, um ein einziges Mal Teil von etwas Größerem zu werden.

Facebook liefert „Menschheit“ ins private Heim und zwar in mehr als einem Sinne: Einordnung als Freiheit! Zusammengehörigkeit als Individualität! Gesellschaft als Einsamkeit! Und alles von der Stange.

Was das heißt? Nun: Bei Facebook können wir uns jedem erklären. Und zwar einfach, indem wir uns kategorisieren. Wir können uns kategorisieren, indem wir unsere Freunde, unsere Meinung und unseren Geschmack – für alle (oder manche) sichtbar – kennzeichnen. Und diese Einordnung macht uns zu etwas ganz Besonderem im immer gleichen: Politische Ansichten. Religiöse Ansichten. Lieblingszitat. – War da irgendwann mehr zu sagen gewesen? Hätte man darüber am Ende streiten oder wenigstens diskutieren müssen?

Sie kennen das? Genau. Im Verzicht darauf, den Gesprächsfluss durch Inhalt von eigener Seite zu stören, macht man sich sympathisch. Das kann man übrigens lernen. Es ist nicht mal schwer. Politiker tun das interessanterweise ganz gern. Es hat nur einen Haken: Der Einfluss, den man dadurch gewinnt, lässt sich nicht mehr nutzen. Dieser Weg war schon immer der Versuch, dasselbe zu werden, was jeder ist: Ein Arzt, ein Politiker, ein Alkoholiker. Und es ist dann fast ein Handicap, etwas Einzigartiges zu bleiben. Zum Glück haben wir Facebook – um den Rest zu katalogisieren. Denn in Wirklichkeit war da eben nichts mehr zu sagen.

Facebook erinnert selbstverständlich nicht von ungefähr an Niklas Luhmann: „So kann im Bereich der Massenmedien ein autopoietisches, sich selbst reproduzierendes System entstehen, das auf Vermittlung durch Interaktion von Anwesenden nicht mehr angewiesen ist. Erst damit kommt es zur operativen Schließung mit der Folge, dass das System die eigenen Operationen aus sich heraus produziert, sie nicht mehr zur Herstellung von interaktionellen Kontakten mit der gesellschaftsinternen Umwelt verwendet, sondern sich statt dessen an der systemeigenen Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz orientiert. Das System ist, trotz riesiger Speicherkapazitäten, eingestellt auf schnelles Erinnern und Vergessen.“

Falls das unverständlich bleibt, es bedeutet: „Facebook? Mankind. Destiny.“ Es bedeutet eine Art vernetzter Isolation, die darauf hinausläuft, sich zu bezeichnen, anstatt miteinander zu reden! Und die Kernfrage ist plötzlich: Kann man eigentlich einsam sein, ohne es zu merken?

Einverstanden, es ist kein großes Problem, Zuneigung zu ökonomisieren. Aber: Mögen wir uns eigentlich gegenseitig? Interessieren wir uns überhaupt – für uns? Interessieren wir uns – für Facebook? Und wenn ja – warum bloß?

Zwei Tage später. Mehmet steht am Straßenrand, während mein Taxi in die Welt fährt. Er wäre jetzt gern mein Freund, bei Facebook. Das würde ihm einige Lorbeeren einbringen, unter seinen echten Freunden. Aber ich bin noch nicht bei Facebook. Deshalb geht das nicht. Er verkauft weiterhin Getränke zu türkischen Preisen, sogar an Ausländer.

'Seltsam', denke ich einen Moment lang bevor ich mich dem Taxifahrer zuwende, 'seltsam ist nur, wie gern ich mit ihm tauschen würde.' Aber man muss die globale Welt wohl erst kennen, um sie derart leidenschaftlich zu verachten. Man muss sicher sein, ganz sicher, dass das Dorf Sakran überall ist, auf ein wenig andere Art als Facebook, aber ebenso global. Wir müssen immer eine überschaubare Welt haben, in die wir zurückkehren können. So anstrengend oder erbärmlich das im Vergleich auch scheinen mag!

Und dann beneiden wir uns gegenseitig, Mehmet und ich. Soviel habe ich verstanden, von seiner – und von meiner – Welt. Und deshalb bleibt Mehmet ein Freund. Ich werde mich an ihn erinnern. In meinem Herzen, nicht bei Facebook.

 

von Gerald Reuther.


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Literatur:

Niklas Luhmann, „Die Realität der Massenmedien“, Opladen, Westdeutscher Verlag. 1996, S.34.