Die Verwirklichung Utopias

Folge 16 vom 13.11.2015


Inhalt:

    - Ein Fall konsequenter Ignoranz
    - ein Fall konfusen Überlebens und
    - ein Ein-Fall

   


Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stand die westliche Zivilisation vor einer schicksalhaften Wahl. Wie, stellte sich die Frage: Wie wollen wir als Menschen in Zukunft leben? Wir hätten, lässt sich festhalten, so leben können, wie wir es wollten. Der Wille aber fehlte vollständig. Und dass wir es nicht vorher gewusst hatten erwies sich hinterher als Versäumnis in Sachen Überlebensfähigkeit. Es gab gar niemanden, der die Frage zu stellen wagte.

Zu schnell suchten die Diskurse den Standpunkt des Ingenieurs auf und fragten nach der technischen Machbarkeit, anstatt die Realisierung den Spezialisten zu überlassen und dem Diskurs die Zielorientierung. Und so wählten Unberufene ihre Regierung nach ihrer Meinung zu technischen Fragen: Staatsschulden, Buchungsvorgänge und Wohlstandsverteilungen bestimmten die Debatten, Sozialneid, Angst und Machbarkeit rückten ins Zentrum einesmassenmedialen Realpolitikforums. Man fragte die Menschen nach Realisierbarkeiten, anstatt ihren Wünschen Rechnung zu tragen.

Der letzte Mensch dieser Kulturentwicklung wird einst auf einem Berg von Apparaten stehen, die alles realisieren können, was er möchte. Und dort wird er anheben, den ersten Satz einer neuen Menschheitsgeschichte zu sagen: Ich würde fast sagen, dass im Anfang das Wort war. Und der Konditional wird die erneute Weltschöpfung verhindert haben, jedoch nicht ohne uns seinen Kausal zu hinterlassen. Der lautet: Wenn ich hier nicht bloß der Techniker wäre.

Die Logik des Individuums realisiert sich in einer Alltagserfahrung des Einzelhändlers: Man kann nur ausgeben, was man vorher eingenommen hat. Dass diese These die Fähigkeiten von Wahrnehmungstheorie, Bilanzpragmatik und Hochtechnologie einfach übergeht, spielt dann plötzlich keine Rolle mehr: Der Mensch hatte sich als Konkurrenz-, mehr denn als Kooperationsgeschöpf erwiesen. Die Überschüsse an Machbarkeit wurden schlechthin in Löhne und Erträge umgesetzt. Die Logik des Krämers führt zur Überfüllung unserer Straßen mit Automobilen, zur Überfüllung der Schreibtische mit Formularen und zur Übererfüllung der planwirtschaftlichen Ziele. Sie dient nur nicht mehr der Lebenskultur.

Dabei waren die Meisten Wünsche zur Jahrtausendwende längst in den Horizont des Möglichen gerückt.

Die Diskursbremsen der Unmachbarkeit von Vorstellungen, Alternativlosigkeit von Unpopulärem begannen den politischen Willen hoheitlich zu diktieren. Das war nicht alternativlos gewesen.

Die Utopie wurde das Ausgeschlossene, das sich nicht hatte verwirklichen lassen. Wer hier auf Machbarkeiten, Einschränkungen und Zweifel verwies, hatte nicht verstanden, welche Möglichkeiten der Einsatz neuer Technik in Kombination mit der Frage nach dem Willen mit sich brachte.

Die Frage wurde aus Mutlosigkeit gar nicht erst gestellt. Aber Gier, Sozialneid und Zukunftsangst bestimmten maßgebliche, politische Entscheidungen und führen zu einer Spaltung der Welt in Separees aus Stacheldraht.

Es bietet sich an, zu bilanzieren.

 

von Gerald Reuther.


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Literatur: